THE FIRST SUPPER // ANNA LEHMANN-BRAUNS

THE FIRST SUPPER // ANNA LEHMANN-BRAUNS

Vernissage:  Freitag 08.01. & Samstag 09.01.2016 ab 20 Uhr

Ausstellung bis 26.02.

Öffnungszeiten:       Mi & Do   14 – 19 Uhr // Fr   20 – 02 Uhr

Anna Lehmann-Brauns
Fotografie

Ob Hotelzimmer, Nachtclubs oder all die Dielen, Wohn- und Schlafzimmer diverser Daily Soaps ausleuchtenden „Filmsets“, stets sind es – seit den „Modellen“ freilich tatsächlich existierende und mithin gleichsam vorgefundene – Räume, welche die Absolventin der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst fotografiert. Interieurs mithin allesamt, die, merkwürdig privat und öffentlich zugleich, vor allem eins gemeinsam haben: Es handelt sich durchweg um sorgsam inszenierte Räume.

Menschenleere Bühnen gleichsam zwar, doch offen für die Projektionen, Ängste, Wünsche, Phantasien des Betrachters. Das gilt im Kern fraglos auch für Lehmann-Brauns’ aktuelle, nach John Miltons Versepos „Paradise Lost“ überschriebene Werkgruppe.

Und doch ist manches anders in diesen verlorenen, seltsam eingestaubten Paradiesen, sind die wenigen noch nicht stillgelegten Fabrikhallen einer früheren schlesischen Garnfabrik, welche die Künstlerin vor zwei Jahren entdeckt hat, nicht eigentlich inszeniert. Schließlich wird hier noch gearbeitet, produzieren die polnischen Werkstätten Tierfiguren, mannshohe Eistüten und sesselgroße Hamburger aus Styropor und Fiberglas für Werbung, Kirmes und Vergnügungsparks.

Und genauso auch, schmutzig, in ätzende Farbwolken und pudrig-weißen Staub gehüllt, stellen sich die Räume denn auch dar. Und doch liegt, mehr und berührender noch als in früheren Serien, ein melancholischer Zauber über diesen Szenen.
Das ist nicht allein eine Frage der Motive. Zwar stimmt schon, dass all die Geparden, Nilpferde und Elefanten, Känguru und Vogel Strauß und überhaupt diese ganze aus Kunststoff gegossene Arche Noah anmutet, wie vor unendlich langer Zeit von einem Jahrmarktkarussell gefallen. Und wenn hier der Putz von den hohen Wänden fällt, dort der Staub wie Puderzucker sich auf Zwerge, Ochsen und die magentafarbene Giraffe legt, dann verweht hier jetzt gerade vor den Augen des Betrachters die gute alte oder doch zumindest gänzlich andere, womöglich nie gewesene Zeit.

Lehmann-Brauns’ Kompositionen aber, all die mit der Mittelformatkamera aufgenommenen Interieurs sind Räume nicht nur der eigenen Erinnerung, sondern überdies Resonanzräume des eigenen Mediums, der Kunst als solcher und besonders der Malerei. Als veritable „Natures mortes“, als stilllebenartige, in Jahr für Jahr dichter werdende Farbnebel getauchte Kompositionen, erweisen sich die Kindheitsparadiese als immer schon verloren. Dass sie wider besseres Wissen dennoch irgendwann einmal gewesen sind, davon spricht allein die Kunst.

Christoph Schütte