The 9th supper Margret Eicher Adi Hösle

The 9th supper Margret Eicher    Adi Hösle

Margret Eicher & Adi Hösle

Kalibrierung I  - Fremdbestimmte Wirklichkeiten

Vernissage :  Freitag 07.10.2011  Lounge & Drinks ab 20 Uhr

Wenn die augenscheinliche Oberfläche welterklärender Massenmedien fragwürdig und die Bild- und Sprachkontexte unglaubwürdig werden, wahren künstlerische Prozesse heilende Kräfte wie Definition und Kausalitäten, Verdichtung und Extraktion, Vision und Rückversicherung. Die hierin liegenden quasi-religiöse Merkmale sind nicht gesucht, aber hinnehmbar.

Margret Eicher und Adi Hösle analysieren mit unterschiedlichen Methoden und in einer kaum vergleichbaren Werkästhetik Bezüge zwischen Bildsprache und wahrnehmungspsychologischen Mustern. Sie stellen darin Fragen nach Auswegen, bieten Modelle und wissen doch um deren Fragilität. Die Blickrichtung in ihrer Arbeit zielt dabei auf gesellschaftliche und systemische Relevanz in einem sich immer schneller drehenden Wirklichkeitskarussell.

Eicher transformiert Motive, Bildsprache und „Muster“ tagesaktueller Medien in großformatige Bildteppiche und zitiert dabei jene in Adelsgesellschaften populären Bildträger der Macht. Diese mutieren hier zu digitalen Bildkonvoluten und industriellen Produkten zeitgenössischer Herstellungsprozesse. Die Künstlerin vereint in ihren Sujets Stereotypen aus Politik und Werbung, Zeitschriften, Comics und Film zu digitalen Collagen. In ihrer barocken Opulenz konterkarieren die digitalen Tapisserien die Massenproduktion von Bildern. Die Macht der Bilder in ihrer inflationären öffentlichen Präsenz wird durch ihre zugespitzte Aneignung und Interpretation thematisiert.

Hösle bezeichnet sich als Retrogradist”. Er iniziiert als solcher künstlerisch-aktionistische Umgestaltungsprozesse, die ihre Erfahrungsobjekte auf deren Wesensgehalt zurück führen. In diesem Zusammenhang steht auch die Rückführung von fremden Kunstwerken auf ihren ästhetischen „Quellcode“.

Dabei geht es um die „Hintergrundinformation“ des Bildes, oder um das Konzentrat des Bildes in seiner „objektivierten“ Form wie im Werksatz „Gentianablau“, sowie von „Satte Farben vor Schwarz“. Für diese Konzepte ließ der Künstler eine Software schreiben, die ein Bild in seinen digitalen code umrechnet. Je nach Grösse des Bildes entstehen Zahlenreihen von mehreren 10 Millionen 1 und 0, z.b. 100111010110001 ……

Der binäre Code in seiner mathematischen Eindeutigkeit postuliert die Objektivierbarkeit des Bildes. Der geringste Eingriff (Fragilität) in den mathematischen Code erzeugt jedoch ein neues Bild. Ein bildhaftes Artefact wird aufgelöst und es entsteht in einem „retrograden Prozess“ eine neue Bildform, die ein „Verborgenes“, das „An sich sein“ eines Bildes, sichtbar macht. Sichtbarer und nicht-sichtbarer Inhalt des Bildes allgemein werden thematisiert. Würde man die digitalen Codes wieder in Farben umrechnen, entstünde erneut das Ursprungsbild (ein Verfahren, das u.a. auch in der Langzeitspeicherung spezifisch angewendet wird).

In einem gemeinsamen Ausstellungskonzept von Margret Eicher und Adi Hösle entsteht somit das Kondensat des Kondensats: bildnerische Transformationen, die das Bild als Erkenntismedium in Frage stellen, sowie dessen Grenzen thematisieren.

Auf die Ausstellungssituation bezogen, bedeutet dies die Inszenierung eines „dekorativen“ Raumes: Die Tapisserien in ihrer monumentalen Erscheinung sind konfrontiert mit ihrem ebenfalls wandfüllenden, jedoch teils tapetenartig, teils als Fotos applizierten Quellkodemuster. Je nach Möglichkeiten des Ausstellungsortes kann hieraus ein höchst reizvoller, wahrnehmungsdiskursiver Parcours entstehen, der den Betrachter Kognitionen und Imaginationen im Bilderkennen erleben lässt.